Volkswirtschaftliche Risiken

Für die Weltwirtschaft war 2012 erneut ein schwieriges Jahr, und entsprechend blieb das Wachstum mit nur 2,5% deutlich unter den bestehenden Wachstumspotenzialen und auch unter dem Vorjahreswachstum von 3,2%. Die Weltwirtschaft war und ist weiterhin anfällig für externe Störungen. Die größten Einzelrisiken für das Jahr 2013 sehen wir in einer erneuten Verschärfung bzw. Eskalation der Staatsschuldenkrise in der Eurozone und daraus resultierenden Turbulenzen an den Finanzmärkten und im Bankensektor, der Unsicherheit über die Haushalts- und Finanzpolitik in den USA, einem stärkeren Wachstumseinbruch in China, hohen Preisvolatilitäten auf den Rohstoffmärkten infolge geopolitischer Unruhen im Nahen Osten, einem steigenden Inflationsdruck sowie aufkeimendem Protektionismus. Die für das Jahr 2013 von der Mehrzahl der Wirtschaftsforschungsinstitute und auch von Daimler unterstellte Entwicklung der Weltwirtschaft ist maßgeblich von diesen Risikofaktoren abhängig. Einige dieser Faktoren haben im Falle ihres Eintritts durchaus das Potenzial, die Weltwirtschaft in eine erneute Rezession zu führen. Damit bestehen weiterhin beträchtliche ökonomisch bedingte Risiken für die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage von Daimler.

Die Maßnahmen zur Reduzierung der Schuldenlast der öffentlichen Haushalte in der Triade bleiben nach wie vor ein dominierendes Thema für die Weltkonjunktur und könnten auch 2013 die konjunkturellen Perspektiven dämpfen und die Finanzmärkte erheblich belasten. Dies gilt insbesondere für das Risiko eines Staatsbankrotts, der vor allem für Griechenland, aber auch für einige andere Peripherieländer trotz der von Europäischer Union und Weltwährungsfonds (IWF) bereitgestellten Hilfsprogramme nicht völlig auszuschließen ist. Die in jedem Fall erforderlichen Sparmaßnahmen haben das Potenzial, die Nachfrage in den betroffenen Ländern so stark zu beeinträchtigen, dass die jeweilige Inlandsnachfrage noch stärker einbricht und die Volkswirtschaften noch deutlicher schrumpfen als bisher erwartet. Ein weiteres Risiko besteht darin, dass nach den Ländern der Eurozone auch andere, hoch verschuldete Länder wie zum Beispiel Japan oder die USA in den Fokus der Finanzmärkte geraten.

Wie schon in den vergangenen beiden Jahren ist das aus unserer Sicht größte Risiko für die Weltkonjunktur in den Entwicklungen der Eurozone zu suchen. Die Wirtschaft der Eurozone rutschte im Jahr 2012 in die Rezession, und die Perspektiven für das Jahr 2013 sind weiter schwierig. Die politische Durchsetzung von Reformen und weiteren Konsolidierungsmaßnahmen in den südeuropäischen Ländern könnte durch zunehmende Proteste der Bevölkerung oder nachlassenden Reformdruck infolge der angekündigten Maßnahmen der Europäischen Zentralbank ins Stocken geraten. Dies würde zu massiven Vertrauensverlusten an den Kapitalmärkten und damit zu verstärkten Volatilitäten und steigenden Zinslasten führen. Die Belastungen für die Staatshaushalte und das Bankensystem wären schwer einzudämmen und könnten eine Erholung der Realwirtschaft weiter gefährden. Auch das Risiko eines Scheiterns des Reformprozesses in Griechenland ist trotz des erneuten Hilfspakets zum Jahresende 2012 noch nicht endgültig gebannt. Wenn hier – aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen – keine weiteren Reformfortschritte erfolgen oder die Ablehnung aus der Bevölkerung zu groß wird, könnte dies am Ende den Austritt Griechenlands aus der Eurozone zur Folge haben, mit signifikanten Ansteckungseffekten für das globale Finanzsystem und die Weltwirtschaft. Anders als in der globalen Finanzkrise 2008/09 könnten sich die meisten Staaten in Europa eine Rekapitalisierung ihrer nationalen Banken und eine fiskalpolitische Unterstützung der Konjunktur nicht mehr leisten. Die damit unvermeidbare Bankenkrise und Rezession im Euroraum würde angesichts der globalen Vernetzung vermutlich auf andere Länder übergreifen und hätte gravierende Konsequenzen. In einem solchen Fall wäre wohl eine globale Rezession die Folge. Durch die unvermeidliche Vertrauenskrise und den Einbruch der Kreditversorgung würden sowohl Konsum als auch Investitionen heftig getroffen – und damit auch die Nachfrage nach Pkw und Nutzfahrzeugen. Für Daimler wäre dies nicht nur absatzseitig eine erhebliche Belastung; auch auf die Refinanzierungskosten und -möglichkeiten hätte eine derartige Entwicklung sehr negative Auswirkungen.

Auch wenn in den USA ein Teil der gefürchteten Belastungen infolge der »Fiskalklippe« zumindest vorübergehend erfolgreich vermieden werden konnte, besteht auch dort weiterhin ein nicht zu vernachlässigender Konsolidierungsdruck. Die Einigung zum Jahresanfang 2013 beinhaltete nur die drängendsten Themen und vermied im Kern lediglich das Abgleiten in eine unmittelbare Rezession im ersten Quartal. Die Höhe der Verschuldung bleibt aber nicht minder schwerwiegend und wird weiterhin ganz oben auf der politischen Agenda stehen. Dies schließt insbesondere die Erhöhung der Schuldengrenze sowie den Umgang mit und die Ausgestaltung der automatischen Ausgabenkürzungen mit ein. Die Unsicherheit über die Ausrichtung der US-Finanzpolitik und potenzielle Maßnahmen zur Haushaltskonsolidierung werden damit auch 2013 belastende Faktoren für die Konjunktur bleiben. Angesichts der weiterhin vergleichsweise schwachen Dynamik von Investitionstätigkeit und Immobilienmarkt, der im historischen Vergleich weiterhin hohen Arbeitslosigkeit und des fragilen Verbrauchervertrauens, hätte die US-Wirtschaft einem unerwarteten haushaltspolitischen Schock wohl nicht viel entgegenzusetzen. In diesem Fall würde die Wirtschaft für ein oder mehrere Quartale in die Rezession rutschen. Auch eine Eskalation der Schuldenkrise in der Eurozone, beispielsweise in Form eines oder mehrerer Austritte von Euro-Mitgliedstaaten, würde sich massiv auf die Weltkonjunktur und damit auch auf die US-Wirtschaft auswirken. Dies hätte sowohl für die Pkw- als auch für die Nutzfahrzeugnachfrage negative Folgen.

Von strategischer Bedeutung für Daimler wäre zudem ein länger anhaltender Wachstumseinbruch in China. Im Verlauf des Jahres 2012 wurde bereits deutlich, dass das chinesische Wachstumsmodell nicht unverwundbar ist. Infolge der globalen Wachstumsverlangsamung, aber auch aufgrund der Schwäche des Immobiliensektors fiel das chinesische Wirtschaftswachstum auf den niedrigsten Stand seit der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise. Da China aber in den vergangenen Jahren zum wichtigsten Treiber des weltweiten Wachstums geworden ist, hätte ein Wachstumseinbruch in China massive Konsequenzen für die Weltkonjunktur. Zwar hat sich die wirtschaftliche Entwicklung Ende des Jahres 2012 dank unterstützender wirtschaftspolitischer Maßnahmen wieder stabilisiert, aber Risiken bleiben. Sollte sich das Wachstum nicht wie erwartet im Jahr 2013 wieder spürbar erholen, könnte die chinesische Regierung zwar mit fiskal- und geldpolitischen Maßnahmen gegensteuern. Dies würde allerdings die Haushalte der lokalen Behörden, die schon durch die Konjunkturprogramme 2008/09 massiv belastet wurden, noch stärker in Mitleidenschaft ziehen und die Tragfähigkeit der Verschuldung in Zukunft deutlich einschränken. Außerdem könnte durch die erneute einseitige Unterstützung von Investitionen und Exporten die angestrebte Ausbalancierung des Wachstumsmodells hin zu einer Stärkung des privaten Konsums weiter aufgeschoben werden. Das würde die mittelfristigen Risiken, die sich durch Überinvestitionen und Exportabhängigkeit für das Wachstum ergeben, weiter erhöhen und eine »harte Landung« der chinesischen Wirtschaft in den kommenden Jahren wahrscheinlicher machen. Ein heftiger Wachstumseinbruch auf unter 6 % hätte enorme Auswirkungen auf die Weltwirtschaft, vor allem auch auf große Rohstoffexporteure im Nahen Osten, in Afrika oder Lateinamerika. Neben der Bedeutung für die weltweite Rohstoffnachfrage haben chinesische Unternehmen in den vergangenen Jahren verstärkt im Ausland investiert, sowohl in Schwellenländern als auch in der EU. Solche Investitionen würden zweifelsohne im Fall eines Wachstumseinbruchs in der Heimat zurückgehen und damit weiteren Gegenwind für die Entwicklung in den OECD-Ländern verursachen.

Wie das Jahr 2012 in Brasilien und Indien gezeigt hat, können auch andere, für Daimler äußerst bedeutsame Schwellenländer unerwartet in konjunkturelle Schwächephasen geraten. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf die Nachfrage nach Pkw und Nutzfahrzeugen in diesen Regionen und ist auch für 2013 ein nicht zu vernachlässigendes Risiko.

Wie schon in den Vorjahren gibt es signifikante geopolitische Risiken, vor allem im Nahen Osten, die das Potenzial haben, das weltwirtschaftliche Gleichgewicht massiv zu stören. So besteht die Gefahr einer Eskalation im Atomkonflikt zwischen dem Iran einerseits und Israel und den USA andererseits. Im Falle einer militärischen Eskalation oder einer Blockade der Straße von Hormus könnte es zu einem Ölpreisschock kommen, der das weltweite Wachstum massiv bremsen und im äußersten Fall die Weltwirtschaft in die Rezession zurückführen könnte. Die Entwicklungen in Ägypten, Libyen und im Jemen bleiben weiterhin unsicher, in Syrien ist noch kein Ende des Bürgerkriegs absehbar. Das Zusammenwirken mehrerer dieser Risikoherde im Nahen Osten könnte im Jahr 2013 zu deutlich höheren Ölpreisen führen. Selbst in einem glimpflich verlaufenden Szenario würden höhere Ölpreise die Nachfrage in vielen Ländern belasten und könnten in einer Kettenreaktion auch die Preise für andere Rohstoffe, eingeschlossen Nahrungsmittel, beeinflussen. Steigende Inflationsraten würden eine straffere Geldpolitik seitens der Zentralbanken erfordern, als dies aktuell von uns erwartet wird. Dies wiederum würde das Wachstum in den Schwellenländern dämpfen und das der geschwächten Industrieländer zumindest zum Stillstand bringen.

Die großen Zentralbanken, vor allem in Europa und den USA, haben ihre unkonventionellen geldpolitischen Maßnahmen nahezu unbegrenzt bezüglich Dauer und Umfang fortgesetzt oder sogar ausgeweitet, um der globalen Wachstumsverlangsamung und den zahlreichen Risiken zu begegnen. Die aus diesen Maßnahmen enorme verfügbare Liquidität hat das Potenzial, die Inflationserwartungen mittelfristig deutlich in die Höhe zu treiben, und birgt mittelfristig nicht unerhebliche Risiken für die Preisstabilität. Außerdem könnte sich die Ausweitung der Liquidität verstärkt in der Entwicklung der Rohstoffpreise niederschlagen. Wenn Marktteilnehmer auf der Suche nach renditestarken Anlagen verstärkt in Rohstoffe investieren, könnten weltweit die Preise weit stärker steigen, als es fundamental gerechtfertigt ist. Dies würde zum einen massive Belastungen für Konsumenten und produzierende Unternehmen nach sich ziehen; zum anderen hätte ein Platzen der entstehenden spekulativen Blasen massive Auswirkungen auf das weltweite Wirtschaftsgeschehen, vor allem in rohstoffexportierenden Ländern. Auch die Rückkopplungen einer expansiven Geldpolitik auf die globalen Wechselkurskonstellationen sind mit entsprechenden Risiken behaftet.

Ein weiterer Effekt der überbordenden Liquidität sind spekulative Kapitalbewegungen, die zu ungewollten Wechselkursentwicklungen in einigen Ländern geführt haben, beispielsweise die Aufwertung des japanischen Yens oder des brasilianischen Reals. Sollten sich diese Entwicklungen in diesem Jahr fortsetzen, besteht die Gefahr, dass einzelne Länder bei dem Versuch, ihre Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt zu schützen, verstärkt zu interventionistischen und protektionistischen Maßnahmen greifen. Dies könnte schließlich am Ende in einen Abwertungswettlauf oder »Währungskrieg« münden. Darüber hinaus könnte durch die Zunahme bilateraler Freihandelsabkommen außerhalb der Europäischen Union die Position von Daimler in wichtigen ausländischen Märkten beeinträchtigt werden.